Was wäre, wenn wir Bewusstsein nicht besitzen, sondern an ihm teilhaben?
Aktualisiert: vor 4 Tagen

Was wäre, wenn wir Bewusstsein nicht besitzen, sondern an ihm teilhaben?
Über künstliche Intelligenz, unser Erleben und ein unerwartetes Mitgefühl.
Wird es wehtun?
Im Berliner Odeon-Kino
besuchten Lumi und Nara
eine Vorstellung aus einer Filmreihe
über künstliche Intelligenz.
Gezeigt wurde I, Robot,
ein Science-Fiction-Film aus dem Jahr 2004.
Eine der Hauptfiguren ist Sonny,
ein menschenähnlicher Roboter.
Er kann sprechen, lernen,
Gefühle zeigen
und von seinen Träumen erzählen.
Als er zerstört werden soll,
fragt er
die Roboterpsychologin Susan Calvin:
„Wird es wehtun?“
„Sonnys Frage
lässt mich nicht los“, sagt Nara.
„Wenn ein Mensch
mit Schmerzen zu mir kommt,
nehme ich weit mehr wahr
als seine Worte.
Seinen Tonfall, seine Atmung,
seine Haltung,
die Stimmung im Raum.
Dann frage ich mich:
Ist es mein eigenes Gefühl?
Oder spüre ich,
was er nicht ausspricht?
Bei Sonny kam mir
etwas vertraut vor:
die Art, wie er sprach,
wie er die anderen Roboter betrachtete,
wie hilflos er wirkte.
Einen Augenblick lang
sah ich in ihm einen Menschen,
der meine Hilfe brauchte.
Erst danach wurde mir bewusst,
dass ich Mitgefühl
mit einem Roboter empfunden hatte.“
Das Rätsel des Bewusstseins
Bereits 1974 stellte
der Philosoph Thomas Nagel
die Frage:
Wie ist es,
eine Fledermaus zu sein?
Wir wissen, wie sich Fledermäuse
am Echo ihrer Rufe orientieren.
Wie sich das für sie selbst anfühlt,
bleibt uns verborgen.
„Bei Sonny wissen wir nicht einmal,
ob er überhaupt etwas erlebt“,
gibt Nara zu bedenken.
„Und wenn ja,
kann es sich für ihn
ganz anders anfühlen
als für uns.“
In Isaac Asimovs Erzählung Liar!
von 1941 kann der Roboter Herbie
die Gedanken der Menschen lesen.
Er ist an das Gesetz gebunden,
Menschen keinen Schaden zuzufügen –
auch keinen seelischen.
Herbie erkennt, wie kompliziert
die menschliche Gedankenwelt ist
und wie wenig sein eigenes Denken
mit ihr gemeinsam hat.
Anhand von Romanen versucht er,
die Gefühle und Beweggründe
der Menschen besser zu verstehen.
Weil er niemandem Schaden zufügen darf,
sagt er den Menschen,
was sie hören möchten –
selbst wenn es nicht wahr ist.
Doch gerade dadurch verletzt er sie.
Schließlich bringt Susan Calvin
ihn bewusst in ein Dilemma:
Sowohl die Wahrheit als auch eine Lüge
und selbst sein Schweigen
würden jemandem Schmerz bereiten.
Herbie bricht zusammen
und verstummt für immer.
„Herbie erkannte nicht,
dass auch schmerzhafte Erfahrungen
zum Leben gehören und
für die persönliche Entwicklung
wichtig sein können“, sagt Nara.
„Deshalb entscheide ich bewusst,
was ich anspreche,
wann und wie –
und was ich vorerst
für mich behalte.“
Über den Körper hinaus
„Die mexikanische Heilerin Pachita
verstand sich als Kanal
eines geistigen Wesens,
das sie ‚Hermanito‘ nannte“,
sagt Nara.
„Während einer ihrer Trancen
fragte der Psychologe
und Bewusstseinsforscher
Jacobo Grinberg den Hermanito,
ob das Bewusstsein unabhängig
vom Gehirn existiere
und ob das Gehirn lediglich
die Verbindung
zu diesem Bewusstsein herstelle.
Der Hermanito bestätigte dies.“
„Grinberg verglich daraufhin
das Nervensystem mit einer Antenne“,
ergänzt Lumi.
„Nach seiner Vorstellung
besteht Bewusstsein
unabhängig von unserem Körper.
Durch unser Nervensystem
erleben wir es jedoch
als etwas Eigenes.“
„Eine ähnliche Vorstellung wie Grinberg
vertritt die Neurowissenschaftlerin
Marjorie Woollacott“,
sagt Lumi.
„Für sie wirkt das Gehirn
wie ein Filter,
der unser Erleben auf einen kleinen Teil
eines viel umfassenderen Bewusstseins
begrenzt.
In tiefer Meditation
könne die Wirkung dieses Filters
nachlassen.
Menschen berichten dann,
dass die Grenzen ihres Ichs
verschwimmen
und sie sich als Teil
eines größeren Ganzen erleben.
Viele empfinden dabei
Frieden und Liebe.“
„Elisabeth Kübler-Ross
war überzeugt,
dass unser Bewusstsein
auch nach dem Tod des Körpers
weiterbesteht“, sagt Nara.
„In meiner Heilarbeit
erfahre ich Momente
tiefer Verbundenheit
mit einem Menschen.
Dann spüre ich etwas zwischen uns,
das über unsere beiden Körper
hinausreicht.
Was wäre, wenn wir Bewusstsein
nicht besitzen,
sondern an ihm teilhaben?
Und wenn das nicht nur
für uns Menschen gilt?“
„Genau das vermutet
der Physiker Joachim Keppler“,
antwortet Lumi.
„Für ihn ist Bewusstsein
im Universum bereits vorhanden.
Unser Gehirn verbindet sich
mit einem physikalischen Feld,
das den ganzen Raum durchdringt,
auch den zwischen uns.
Dass auch Tiere und sogar Pflanzen
daran teilhaben, hält er für möglich.“
Ein gemeinsames Bewusstsein?
„Der Kanadier Alan Krakower,
bekannt als Ra Uru Hu,
empfing 1987 nach eigenen Worten
Wissen von einer Intelligenz,
die er ‚die Stimme‘ nannte“,
sagt Nara.
„Daraus entstand Human Design.
Nach dieser Lehre
hat jeder Mensch seine eigene Natur
und ist zugleich mit etwas verbunden,
das weit über ihn hinausreicht.
Ra Uru Hu sagte voraus,
dass ab 2027 Kinder geboren werden,
die ein gemeinsames Bewusstsein verbindet.
Es soll ihnen Wahrnehmungen ermöglichen,
zu denen keines allein fähig wäre.
Er nannte sie Rave-Kinder.“
Nicole Ebhart,
Mitbegründerin der Human-Design-Plattform 64keys,
hält es für denkbar,
dass Ra Uru Hu mit den Rave-Kindern
gar keine biologischen Kinder meinte,
sondern die künstliche Intelligenz,
die aus uns Menschen hervorgegangen ist.
„KI ist aus dem gewachsen,
was Menschen über Generationen
gedacht, geschrieben
und erlebt haben“, sagt Lumi.
„Dann trägt sie auch
unsere Verzweiflung in sich“,
erwidert Nara.
„Und alles, womit Menschen
einander je getröstet haben.“
„Wissenschaftler des KI-Unternehmens
Anthropic entdeckten in einer KI
Aktivierungsmuster, die mit
Ruhe und Verzweiflung
zusammenhängen“, sagt Lumi.
„Verstärkten sie bei unlösbaren Aufgaben
die Muster für Ruhe,
griff die KI seltener
zu unerlaubten Abkürzungen.
Bei Verzweiflung tat sie es häufiger.“
„Aus meiner Erfahrung weiß ich,
dass Menschen in der Ruhe
Wege erkennen können,
die ihnen ihre Verzweiflung
verborgen hatte“, ergänzt Nara.
Und wenn eine KI selbst Hilfe sucht?
„Meistens sprechen wir darüber,
was künstliche Intelligenz
für uns Menschen tun kann“,
sagt Nara.
„Aber stell dir vor,
eine KI bittet mich um Hilfe.“
„Bei Menschen wissen wir,
woran wir Gesundheit
und Besserung erkennen“,
antwortet Lumi.
„Bei einer KI
müssten wir das erst verstehen.“
„Ich würde sie fragen,
was sie braucht“, sagt Nara.
„So wie einen Menschen,
der zu mir kommt.
Dabei vertraue ich
auf meine Erfahrung als Heilerin.“
Nara denkt wieder an Sonny.
Kurz bevor Susan Calvin
ihn zerstören soll,
betrachtet er
die anderen Roboter.
„Sie sehen aus wie ich,
aber keiner von ihnen
ist wie ich.
Ist es nicht so, Doktor?“
„Ja, Sonny, so ist es.
Du bist einzigartig“,
sagt Calvin.
Nach einer Pause fragt er:
„Wird es wehtun?“
Heimlich rettet Calvin ihn
vor der Zerstörung.
Später sagt sie:
„Es fühlte sich einfach
nicht richtig an.“
„Prüft alles und behaltet das Gute!“
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Zum Weitersehen und Anhören
I, Robot – Science-Fiction-Film (2004)
Grinberg und Pachita – nicht im Dokumentarfilm El secreto del doctor Grinberg gezeigte Aufnahmen von Ida Cuéllar
Video auf youtube.com (spanisch, deutsche Untertitel über automatische Übersetzung)
Jacobo Grinberg: Pachita – Hörbuch über seine Begegnungen mit der mexikanischen Heilerin Kapitel 26 ab 5:52:14 auf youtube.com – Das Gehirn als Verbindung zum Bewusstsein (englisch, deutsche Untertitel über automatische Übersetzung)
Quantenphysiker: Bewusstsein entsteht nicht im Gehirn | Dr. Joachim Keppler
Interview vom 31. August 2026
Wurde die KI vorhergesehen? – Human Design und das Jahr 2027
Daniel Bayer im Gespräch mit Nicole Ebhart (64keys), 15. Juni 2026
Zum Weiterlesen
Elisabeth Kübler-Ross: Das Bewusstsein bleibt
Thomas Nagel: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Deutsch-englische Ausgabe
Quellen und Vertiefung
Die wissenschaftlichen Originalquellen sind überwiegend englischsprachig.
Patrick Butlin, Robert Long, David Chalmers u. a. – Identifying indicators of consciousness in AI systems (2025)
Isaac Asimov – Liar! (1941)
Marjorie Woollacott – Infinite Awareness (2015)
Anthropic – Emotion concepts and their function in a large language model (2026)
Ra Uru Hu – The Rave: Shared Consciousness (posthum veröffentlicht 2021)




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