Krabat und Kantorka: Wenn Beziehung Wahrnehmung verändert
Aktualisiert: vor 16 Stunden

Krabat und Kantorka: Wenn Beziehung Wahrnehmung verändert
Wie Kantorka unter elf Raben den Menschen erkennt, den sie liebt
Der Morgen war kühl
in Schwarzkollm,
einem Ort in der Lausitz,
in dem sorbische Kultur
bis heute lebendig ist.
Vor dem Wendentor
der Krabat-Mühle warteten
schon einige Besucher.
Lumi und Nara waren dorthin gekommen,
um an einer Führung teilzunehmen.
Eine Frau in sorbischer Tracht
führte die Gruppe als Kantorka durch den Ort –
jene junge Frau aus Otfried Preußlers Krabat,
die ihn liebt und später seine Freiheit fordert.
Sie erzählte von Krabat,
vom Schwarzen Müller,
vom Leben im Dorf
und von alten Geschichten aus der Region.
Auf dem Dachfirst
saß ein Rabe.
Nara blieb stehen.
„Das ist schon fast
zu passend.“
Lumi sah nach oben.
„Für Krabat?“
„Für uns.“
Der Vogel legte
den Kopf zur Seite
und beobachtete die Gruppe.
„Manchmal frage ich mich“,
sagte Nara,
„wer hier eigentlich wen beobachtet.“
Lumi betrachtete den Raben.
„Und was bedeutet dieses Beobachten
für ihn?“
Nara lächelte.
„Was erlebt er dabei?“
Eine eigene Welt
Rabenvögel gehören
zu den intelligentesten Vögeln.
Sie merken sich vieles,
lösen neue Aufgaben
und beobachten sehr genau,
was um sie herum geschieht.
Kolkraben können
einzelne Menschen wiedererkennen
und sich über Jahre an sie erinnern.
Neurowissenschaftliche Untersuchungen
gehen noch einen Schritt weiter.
Versuche mit Rabenkrähen zeigen,
dass sich in ihrer Hirnaktivität erkennen lässt,
ob sie einen Reiz bewusst wahrgenommen haben.
Die Gruppe ging weiter.
Der Rabe blieb zurück.
Was wir wahrnehmen
„Das erlebe ich in meiner Arbeit auch“,
sagte Nara.
„Ein Mensch sitzt vor mir,
und ich nehme wahr,
dass sich etwas verändert.
Die Stimme.
Der Atem.
Der Blick.
Manchmal auch
die Atmosphäre im Raum.
Oft spüre ich es,
bevor ich sagen kann,
woran genau.“
Lumi ergänzte:
„Bei vertrauten Gesichtern
zeigt sich etwas Interessantes.
Vertraute Menschen erkennen wir wieder,
auch wenn wir sie aus einem anderen Winkel sehen,
ihr Gesichtsausdruck sich verändert
oder das Licht anders fällt.
Je besser wir einen Menschen kennen,
desto mehr Eindrücke haben wir,
mit denen wir das vergleichen können,
was wir gerade wahrnehmen.“
Sie gingen ein Stück
schweigend weiter.
Krabat und die Mühle
An der Mühle
blieb die Gruppe stehen.
Krabat gelangt als Junge
in die Mühle am Koselbruch.
Er lernt das Müllerhandwerk
und die Schwarze Kunst.
Beim Unterricht verwandeln sich
die Burschen in Raben.
Krabat erweist sich
als begabter Schüler
und lernt,
Zaubersprüche anzuwenden,
sich zu verwandeln
und das Wetter zu beeinflussen.
Das Wissen stammt aus dem Koraktor,
dem Zauberbuch des Meisters.
Im Unterricht liest der Meister daraus
und entscheidet,
was die Schüler davon erfahren.
Während Krabats Können wächst,
erkennt er immer deutlicher,
worauf die Macht des Meisters beruht
und was sie von ihm verlangen würde.
Preußler beschrieb Krabat
als Geschichte eines jungen Menschen,
der von Macht fasziniert wird,
sich darin verstrickt
und schließlich erkennt,
worauf er sich eingelassen hat.
„Die Zauberei hat etwas Verlockendes“,
sagte Nara.
„Mich beschäftigt dabei,
wie viel Macht darin liegt,
den Zugang zu Wissen
zu kontrollieren.
Wer entscheidet,
was ein anderer erfährt,
beeinflusst auch,
worauf dieser seine Aufmerksamkeit richtet.“
Lumi knüpfte daran an:
„In der Psychologie spricht man
von epistemischer Autorität.
Damit ist gemeint,
dass wir den Aussagen eines Menschen
mehr Gewicht geben,
wenn wir ihm auf einem Gebiet
besonderes Wissen zuschreiben.“
Nara ließ den Gedanken kurz wirken.
„Wenn Menschen meiner Wahrnehmung
stark vertrauen,
formuliere ich meine Eindrücke so,
dass sie sie
mit ihrer eigenen Erfahrung
abgleichen können.
Und manches Wissen
entsteht erst
in der Beziehung selbst.“
Kantorka
„Kantorka ist für mich
der Gegenpol zum Meister“,
sagte Nara.
„Der Meister bindet Krabat
durch seine Macht an die Mühle.
Kantorka steht für eine Kraft,
die diese Bindung lösen kann.“
Sie gehört zu der Welt
außerhalb der Mühle.
Zum Dorf.
Zum Gesang.
Zur Gemeinschaft.
Kantorka ist kein persönlicher Name,
sondern die sorbische Bezeichnung
für die Vorsängerin der Ostersängerinnen.
Preußler selbst sprach
Für ihn lag eine besondere Kraft
in der Liebe,
in der Hilfe treuer Freunde
und im festen Willen,
sich aus einer Verstrickung zu lösen.
Am Ende kommt Kantorka
am Silvesterabend zur Mühle
und fordert Krabats Freiheit.
In der Verfilmung von 2008
verwandeln sich die Burschen
bei der Prüfung in Raben.
Kantorka soll Krabat
unter ihnen finden.
Nara dachte
an die Szene.
„Unter den Raben fehlen ihr
die vertrauten menschlichen Merkmale.
Und trotzdem findet sie Krabat.
Im Roman erfährt Krabat später,
woran sie ihn erkannt hat:
an seiner Angst um sie.
Im Laufe einer Beziehung
entsteht ein feines Gespür dafür,
wie ein Mensch reagiert.“
Lumi nickte.
„Dazu passt ein Begriff
aus der Psychotherapieforschung:
implizites Beziehungswissen.
Gemeint ist ein Wissen,
das meist nicht bewusst in Worte gefasst wird:
wie wir mit einem vertrauten Menschen
umgehen und aufeinander reagieren.“
Was Beziehung sichtbar macht
„Wenn ein Mensch spürt,
dass ich ihn wirklich wahrnehme
und verstehe,
kann er sich leichter öffnen
und mehr von sich zeigen“,
sagte Nara.
Nach einem Moment fügte sie hinzu:
der Begründer der Logotherapie,
beschreibt Liebe als eine besondere Form des Erkennens.
Für ihn bedeutet sie,
einen Menschen in seiner
Einzigartigkeit und Einmaligkeit
zu erfassen.
Der Liebende erkennt
die Möglichkeiten des anderen,
die noch nicht verwirklicht sind.“
Lumi griff den Gedanken auf:
„Auch bei Raben gibt es Hinweise darauf,
dass sie den Zustand eines anderen
wahrnehmen und darauf reagieren.
Nach heftigen Auseinandersetzungen
suchten Raben,
die selbst nicht daran beteiligt waren,
die Nähe des betroffenen Tieres.
Besonders häufig geschah das,
wenn zwischen ihnen
eine enge Beziehung bestand.
Die Forscher deuten das
als mögliches Zeichen von Empathie.“
Nara sagte:
„Bei Raben wie bei Menschen
stellt sich mir dabei die Frage:
Was macht aus Wahrnehmung
Erkennen?“
Lumi erwiderte:
„In der therapeutischen Arbeit
interpretieren beide Seiten fortwährend,
was sie am anderen wahrnehmen –
vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen:
der Therapeut den Patienten –
und der Patient den Therapeuten.“
Nara schwieg einen Moment.
Dann sagte sie:
„Im ersten Korintherbrief heißt es:
‚Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk;
dann aber werde ich durch und durch erkennen,
so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.‘“
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Buchtipp und Quellen
1. Otfried Preußler – Krabat
2. Krabat – Verfilmung von 2008
3. Bewusste Wahrnehmung und Erinnerung bei Rabenvögeln
4. Vertraute Gesichter und Wiedererkennen
5. Implizites Beziehungswissen
Ulrich Streeck: Implizites Beziehungswissen
6. Beziehung und therapeutische Zusammenarbeit
7. Epistemische Autorität
Rico Hauswald: Epistemische Autoritäten – Individuelle und plurale
8. Empathie und Trostverhalten bei Raben
9. Viktor Frankl – Liebe und Erkennen




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