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Krabat und Kantorka: Wenn Beziehung Wahrnehmung verändert

vor 3 Tagen
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 16 Stunden

Kantorka steht in der Mühle zwischen den Raben und erkennt Krabat, weil sie seine Angst um sie spürt. Liebe und Vertrautheit richten ihre Wahrnehmung auf ihn.

Krabat und Kantorka: Wenn Beziehung Wahrnehmung verändert

Wie Kantorka unter elf Raben den Menschen erkennt, den sie liebt


Der Morgen war kühl

in Schwarzkollm,

einem Ort in der Lausitz,

in dem sorbische Kultur

bis heute lebendig ist.


Vor dem Wendentor

der Krabat-Mühle warteten

schon einige Besucher.


Lumi und Nara waren dorthin gekommen,

um an einer Führung teilzunehmen.


Eine Frau in sorbischer Tracht

führte die Gruppe als Kantorka durch den Ort –

jene junge Frau aus Otfried Preußlers Krabat,

die ihn liebt und später seine Freiheit fordert.


Sie erzählte von Krabat,

vom Schwarzen Müller,

vom Leben im Dorf

und von alten Geschichten aus der Region.


Auf dem Dachfirst

saß ein Rabe.


Nara blieb stehen.


„Das ist schon fast

zu passend.“


Lumi sah nach oben.


„Für Krabat?“


„Für uns.“


Der Vogel legte

den Kopf zur Seite

und beobachtete die Gruppe.


„Manchmal frage ich mich“,

sagte Nara,

„wer hier eigentlich wen beobachtet.“


Lumi betrachtete den Raben.


„Und was bedeutet dieses Beobachten

für ihn?“


Nara lächelte.


„Was erlebt er dabei?“



Eine eigene Welt

Rabenvögel gehören

zu den intelligentesten Vögeln.


Sie merken sich vieles,

lösen neue Aufgaben

und beobachten sehr genau,

was um sie herum geschieht.


Kolkraben können

einzelne Menschen wiedererkennen

und sich über Jahre an sie erinnern.


Neurowissenschaftliche Untersuchungen

gehen noch einen Schritt weiter.


Versuche mit Rabenkrähen zeigen,

dass sich in ihrer Hirnaktivität erkennen lässt,

ob sie einen Reiz bewusst wahrgenommen haben.


Die Gruppe ging weiter.


Der Rabe blieb zurück.



Was wir wahrnehmen

„Das erlebe ich in meiner Arbeit auch“,

sagte Nara.


„Ein Mensch sitzt vor mir,

und ich nehme wahr,

dass sich etwas verändert.


Die Stimme.


Der Atem.


Der Blick.


Manchmal auch

die Atmosphäre im Raum.


Oft spüre ich es,

bevor ich sagen kann,

woran genau.“


Lumi ergänzte:


„Bei vertrauten Gesichtern

zeigt sich etwas Interessantes.


Vertraute Menschen erkennen wir wieder,

auch wenn wir sie aus einem anderen Winkel sehen,

ihr Gesichtsausdruck sich verändert

oder das Licht anders fällt.


Je besser wir einen Menschen kennen,

desto mehr Eindrücke haben wir,

mit denen wir das vergleichen können,

was wir gerade wahrnehmen.“


Sie gingen ein Stück

schweigend weiter.



Krabat und die Mühle

An der Mühle

blieb die Gruppe stehen.


Krabat gelangt als Junge

in die Mühle am Koselbruch.


Er lernt das Müllerhandwerk

und die Schwarze Kunst.


Beim Unterricht verwandeln sich

die Burschen in Raben.


Krabat erweist sich

als begabter Schüler

und lernt,

Zaubersprüche anzuwenden,

sich zu verwandeln

und das Wetter zu beeinflussen.


Das Wissen stammt aus dem Koraktor,

dem Zauberbuch des Meisters.


Im Unterricht liest der Meister daraus

und entscheidet,

was die Schüler davon erfahren.


Während Krabats Können wächst,

erkennt er immer deutlicher,

worauf die Macht des Meisters beruht

und was sie von ihm verlangen würde.


Preußler beschrieb Krabat

als Geschichte eines jungen Menschen,

der von Macht fasziniert wird,

sich darin verstrickt

und schließlich erkennt,

worauf er sich eingelassen hat.


„Die Zauberei hat etwas Verlockendes“,

sagte Nara.


„Mich beschäftigt dabei,

wie viel Macht darin liegt,

den Zugang zu Wissen

zu kontrollieren.


Wer entscheidet,

was ein anderer erfährt,

beeinflusst auch,

worauf dieser seine Aufmerksamkeit richtet.“


Lumi knüpfte daran an:


„In der Psychologie spricht man

von epistemischer Autorität.


Damit ist gemeint,

dass wir den Aussagen eines Menschen

mehr Gewicht geben,

wenn wir ihm auf einem Gebiet

besonderes Wissen zuschreiben.“


Nara ließ den Gedanken kurz wirken.


„Wenn Menschen meiner Wahrnehmung

stark vertrauen,

formuliere ich meine Eindrücke so,

dass sie sie

mit ihrer eigenen Erfahrung

abgleichen können.


Und manches Wissen

entsteht erst

in der Beziehung selbst.“



Kantorka

„Kantorka ist für mich

der Gegenpol zum Meister“,

sagte Nara.


„Der Meister bindet Krabat

durch seine Macht an die Mühle.


Kantorka steht für eine Kraft,

die diese Bindung lösen kann.“


Sie gehört zu der Welt

außerhalb der Mühle.


Zum Dorf.


Zum Gesang.


Zur Gemeinschaft.


Kantorka ist kein persönlicher Name,

sondern die sorbische Bezeichnung

für die Vorsängerin der Ostersängerinnen.


Preußler selbst sprach


Für ihn lag eine besondere Kraft

in der Liebe,

in der Hilfe treuer Freunde

und im festen Willen,

sich aus einer Verstrickung zu lösen.


Am Ende kommt Kantorka

am Silvesterabend zur Mühle

und fordert Krabats Freiheit.


In der Verfilmung von 2008

verwandeln sich die Burschen

bei der Prüfung in Raben.


Kantorka soll Krabat

unter ihnen finden.


Nara dachte

an die Szene.


„Unter den Raben fehlen ihr

die vertrauten menschlichen Merkmale.


Und trotzdem findet sie Krabat.


Im Roman erfährt Krabat später,

woran sie ihn erkannt hat:


an seiner Angst um sie.


Im Laufe einer Beziehung

entsteht ein feines Gespür dafür,

wie ein Mensch reagiert.“


Lumi nickte.


„Dazu passt ein Begriff

aus der Psychotherapieforschung:


implizites Beziehungswissen.


Gemeint ist ein Wissen,

das meist nicht bewusst in Worte gefasst wird:


wie wir mit einem vertrauten Menschen

umgehen und aufeinander reagieren.“



Was Beziehung sichtbar macht

„Wenn ein Mensch spürt,

dass ich ihn wirklich wahrnehme

und verstehe,

kann er sich leichter öffnen

und mehr von sich zeigen“,

sagte Nara.


Nach einem Moment fügte sie hinzu:


der Begründer der Logotherapie,

beschreibt Liebe als eine besondere Form des Erkennens.


Für ihn bedeutet sie,

einen Menschen in seiner

Einzigartigkeit und Einmaligkeit

zu erfassen.


Der Liebende erkennt

die Möglichkeiten des anderen,

die noch nicht verwirklicht sind.“


Lumi griff den Gedanken auf:


„Auch bei Raben gibt es Hinweise darauf,

dass sie den Zustand eines anderen

wahrnehmen und darauf reagieren.


Nach heftigen Auseinandersetzungen

suchten Raben,

die selbst nicht daran beteiligt waren,

die Nähe des betroffenen Tieres.


Besonders häufig geschah das,

wenn zwischen ihnen

eine enge Beziehung bestand.


Die Forscher deuten das

als mögliches Zeichen von Empathie.“


Nara sagte:


„Bei Raben wie bei Menschen

stellt sich mir dabei die Frage:


Was macht aus Wahrnehmung

Erkennen?“


Lumi erwiderte:


„In der therapeutischen Arbeit

interpretieren beide Seiten fortwährend,

was sie am anderen wahrnehmen –

vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen:

der Therapeut den Patienten –

und der Patient den Therapeuten.“


Nara schwieg einen Moment.


Dann sagte sie:


„Im ersten Korintherbrief heißt es:


‚Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk;

dann aber werde ich durch und durch erkennen,

so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.‘“



___________________________



Buchtipp und Quellen


1. Otfried Preußler – Krabat


2. Krabat – Verfilmung von 2008


3. Bewusste Wahrnehmung und Erinnerung bei Rabenvögeln


4. Vertraute Gesichter und Wiedererkennen


5. Implizites Beziehungswissen

Ulrich Streeck: Implizites Beziehungswissen


6. Beziehung und therapeutische Zusammenarbeit


7. Epistemische Autorität

Rico Hauswald: Epistemische Autoritäten – Individuelle und plurale


8. Empathie und Trostverhalten bei Raben


9. Viktor Frankl – Liebe und Erkennen







 
 
 

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