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Rudolf Steiner und Ita Wegman - Wie anthroposophische Medizin Gestalt annahm

Aktualisiert: 21. Juni

Holztisch in einem Café mit Kaffee, Tee, offenem Notizbuch und einer Ansichtskarte des Goetheanums in Dornach.
Ein Cafétisch nach dem Besuch im Goetheanum und in Arlesheim.

Rudolf Steiner und Ita Wegman

Wie anthroposophische Medizin Gestalt annahm


Lumi und Nara trafen sich in Dornach,

im Schweizer Kanton Solothurn.


Vom Bahnhof Dornach-Arlesheim

gingen sie zum Goetheanum,

dem Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft

und einem Bau,

in dem Steiners Formensprache

eine eigene Gestalt annimmt.


Auf dem Weg dorthin

fielen ihnen ungewohnte Formen auf.


Dächer waren gerundet.

Fenster saßen schräg

oder an überraschenden Stellen.


Manche Mauern wirkten,

als seien sie aus einer Bewegung

heraus geformt.


Nach etwa fünfzehn Minuten

erreichten sie das Goetheanum.


Vor dem Gebäude

hielten sie einen Moment inne.


„Schon der Weg zum Goetheanum

erzählt etwas“, sagte Lumi.


Nara sah zum Gebäude hinauf.


„Bei Steiner erscheint dieser Blick

auf den Menschen

auch in der Kunst“, sagte sie.


„In Architektur.

In Bühnenräumen.

In Farben

und Bewegung.“


Nara lächelte.


„Heute interessiert mich,

wie aus diesem Blick

Heilkunst wurde“, sagte sie.


Lumi nickte.


„Dann beginnen wir hier.


Am Goetheanum

tritt Steiners Menschenbild

in Formen, Farben und Räumen hervor.


Später führt unser Weg

ins nahe Arlesheim.


Dort bekam

dieser Blick auf den Menschen

eine medizinische Form:

in Untersuchung, Pflege, Behandlung

und täglicher therapeutischer Arbeit.“



Rudolf Steiner und die Frage nach dem Menschen

Im Goetheanum

wirkte vieles anders

als in den Büchern.


Nara sah die gerundeten Formen,

die großen Flächen

und die Art,

wie das Gebäude auf dem Hügel stand.


Dann gingen sie hinein.


Drinnen fiel ihr Blick

auf Treppen, Übergänge, Wände

und Fenster.


Immer wieder blieb sie

an einer Linie

oder einer Form hängen.


„Hier merkt man,

dass Steiner den Menschen

auch durch Formen ansprechen wollte“, sagte sie.


Lumi sah sich um.


„Und hinter diesen Formen

steht seine große Frage:


Was ist der Mensch?“


Nara nickte.


„Steiner fragte,

wie der Mensch erkennt,

wie er sich entwickelt

und welche Kräfte in ihm wirken.


Er beschreibt den Menschen

auf mehreren Ebenen:


als physischen Körper,

als lebendigen Organismus,

als seelisches Wesen

und als Ich.


So entsteht ein Menschenbild,

das Körper, Leben, Seele

und geistige Individualität

zusammen betrachtet.“


Lumi nahm den Gedanken auf.


„Bei Ita Wegman wird daraus

eine ärztliche Frage.


Wie zeigt sich dieser Mensch

in Krankheit?


Welche Beschwerden bringt er mit?

Was zeigt die Untersuchung?

Wie entwickelt sich der Verlauf?

Welche Behandlung passt zu ihm?“


Nara sah sie an.


„So bekommt Steiners Menschenbild

eine praktische Aufgabe in der Heilkunst.“



Zwischen Luzifer und Ahriman

Sie kamen zu einer großen Holzskulptur,

die aus der Zusammenarbeit

von Rudolf Steiner

und der Bildhauerin Edith Maryon entstand.


Sie trägt den Namen:

Der Menschheitsrepräsentant

zwischen Luzifer und Ahriman.


Nara kannte das Motiv.

Vor der Figurengruppe blieb sie stehen.


„Hier zeigt Steiner den Menschen

zwischen zwei Kräften“, sagte sie.


„Luzifer steht bei Steiner

für das Weitende, Bewegliche

und Inspirierende.


Ahriman steht für das Formende,

Ordnende und Verdichtende.


Der Mensch steht dazwischen.


Er sucht immer wieder neu

sein Maß:


zwischen Ausdehnung und Begrenzung,

zwischen innerem Impuls und tragfähiger Form,

zwischen Erleben und genauer Beobachtung.


Auch Gesundheit lässt sich so verstehen:

als ein lebendiges Abstimmen

zwischen zu viel und zu wenig,

zwischen Öffnung und Halt,

zwischen Bewegung und Ordnung.


Sie ist kein fertiger Zustand,

sondern etwas, das sich im Leben

immer wieder neu ordnet.“


Lumi betrachtete die Figurengruppe.


„Für die Heilkunst ist das wichtig“, sagte sie.


„Ein Mensch bringt inneres Erleben

und körperliche Wirklichkeit mit:


seine Beschwerden,

seine Geschichte,

seinen Befund

und seinen Alltag.


Heilkunst braucht deshalb beides:

Wahrnehmung und Prüfung,

inneres Verstehen und genaue Beobachtung,

therapeutischen Impuls und passende Form.“


Nara betrachtete noch einmal

die Gestalt in der Mitte.


„Dann bleibt der Mensch

der gemeinsame Bezugspunkt“, sagte sie.


„Bei Steiner im Verstehen des Menschen.

Bei Wegman in der konkreten ärztlichen Arbeit.“


Sie gingen weiter.


Das Bild wirkte nach.



Ita Wegmans Weg nach Arlesheim

Nach dem Besuch im Goetheanum

gingen Lumi und Nara weiter nach Arlesheim,

in den Kanton Basel-Landschaft.


Auf dem Weg sprachen sie über Ita Wegman.


„Wegman wurde 1876 auf Java geboren“, sagte Lumi.


„Zur Ausbildung kam sie nach Europa.


Zunächst wandte sie sich

der Heilgymnastik und Massage zu.


In Berlin vertiefte sie

diese therapeutische Arbeit.


Dort hörte sie Vorträge

von Rudolf Steiner

und kam 1902 mit ihm ins Gespräch.


Steiner bestärkte sie darin,

Medizin zu studieren.“


1906 schrieb sich Wegman

an der Universität Zürich

zum Medizinstudium ein.


Dort war ein reguläres Studium

für Frauen bereits seit den 1860er-Jahren

möglich.


In Preußen,

also auch in Berlin,

konnten Frauen zu dieser Zeit

nur als Gasthörerinnen

Vorlesungen besuchen.


Die reguläre Zulassung

zum Studium

folgte in Preußen erst

ab dem Wintersemester 1908/09.


Nara hörte aufmerksam zu.


„Dann wird Wegmans spätere Rolle

verständlicher“, sagte sie.


„Sie brachte Erfahrung

in Körperarbeit mit.


Das Medizinstudium gab ihr

den ärztlichen Rahmen.


Im Austausch mit Steiner

verbanden sich Körperarbeit

und ärztliches Studium

mit dem anthroposophischen Blick

auf den Menschen."


Lumi nickte.


Nach einer Weile kamen sie

in die Nähe der Klinik.



Die Klinik und Zusammenarbeit in Arlesheim

1921 gründete Ita Wegman in Arlesheim

das Klinisch-Therapeutische Institut.


Lumi und Nara blieben

auf dem Gehweg stehen

und schauten hinüber.


„Hier wurde aus vielen Fragen

tägliche Arbeit“, sagte Lumi.


„Menschen kamen mit Beschwerden,

mit Hoffnungen

und mit ihrer eigenen Geschichte.


Sie wurden untersucht, gepflegt

und behandelt.


Dabei beobachtete man genau,

wie sie auf die Therapien reagierten.“


In den ersten dreieinhalb Jahren

kam Rudolf Steiner fast täglich

in die Klinik.


Dort sprachen Wegman und Steiner

über konkrete Patientenverläufe:

über Untersuchung, Pflege

und Behandlung.


Wegman brachte ihre ärztliche Erfahrung ein.

Steiner gab medizinische Anregungen

aus seinem anthroposophischen

Verständnis des Menschen.


In der täglichen Arbeit zeigte sich,

was den Patienten half,

wo Anpassungen nötig waren

und welche nächsten Schritte

sich daraus ergaben.


So bekam die anthroposophische Medizin

in Arlesheim

eine klinisch-therapeutische Form.


Als Steiner im Herbst 1924

schwer erkrankte,

begleitete Wegman ihn ärztlich

bis zu seinem Tod 1925.


Nach seinem Tod entwickelte Wegman

die anthroposophische Medizin

in Arlesheim weiter.


Sie arbeitete an Pflegeformen

wie Einreibungen und Wickeln,

an der Rhythmischen Massage,

schulte Ärzte und Pflegende

und förderte Forschung

aus der klinischen Erfahrung.



Das gemeinsame Buch

Lumi sprach nun über das gemeinsame Buch

von Rudolf Steiner und Ita Wegman.


„Der Titel fasst viel zusammen“, sagte sie.


„Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst

nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen.“


Nara wiederholte den Anfang.


„Erweiterung der Heilkunst.“


Sie dachte kurz nach.


„Dann verstehe ich,

warum der Titel so wichtig ist“, sagte sie.


„Das Buch gibt der Zusammenarbeit

eine schriftliche Form:


Steiners Blick auf den Menschen,

Wegmans ärztliche Erfahrung

und die Frage,

wie Heilkunst erweitert werden kann.“


Lumi nickte.


„So wird noch einmal deutlich,

wie anthroposophische Medizin

Gestalt annahm.“



Im Café Einzigartig

Am Nachmittag gingen Lumi und Nara

ins Café Einzigartig

an der Ermitagestrasse 2 in Arlesheim.


Dort verstand Nara,

wie die Stationen des Tages

zusammengehörten.


Am Goetheanum hatte sie

Steiners Blick auf den Menschen erlebt.


In Arlesheim wurde deutlich,

was Ita Wegman daraus machte.


Steiner gab den Anstoß.

Wegman nahm ihn auf,

brachte ihn in die Klinik

und führte ihn nach Steiners Tod weiter.


In vielen Darstellungen steht

Rudolf Steiner im Vordergrund.


Wegmans Arbeit erscheint darin oft kleiner,

als es ihrer Bedeutung entspricht.


„Das erinnert mich

an den Matilda-Effekt“, sagte Nara.


„Matilda Joslyn Gage beschrieb

bereits im 19. Jahrhundert,

dass Beiträge von Frauen

oft wenig Anerkennung fanden

oder anderen zugeschrieben wurden.


Margaret Rossiter gab diesem Muster 1993

den Namen Matilda-Effekt."


Lumi nickte.


„Auch Wegmans Stellung

wurde später umkämpft“, sagte sie.


„1935 schloss die Allgemeine

Anthroposophische Gesellschaft

Ita Wegman aus.


1943 starb sie

in Arlesheim.


folgte 2018.


Nara sah sie an.


„Also fünfundsiebzig Jahre

nach ihrem Tod?“


Lumi nickte.


„Ja. Und auch die Zeit,

in der sie hier arbeitete,

sagt viel.


1921 gründete Wegman hier

das Klinisch-Therapeutische Institut.


In Basel-Landschaft erhielten Frauen

das kantonale Stimm- und Wahlrecht

am 23. Juni 1968.


Auf eidgenössischer Ebene

folgte die politische Gleichberechtigung

erst am 7. Februar 1971.“


„Da versteht man erst,

wie außergewöhnlich Wegmans Arbeit war“, sagte Nara.


„Sie übernahm Verantwortung,

behandelte Menschen,

schulte Ärzte und Pflegende

und machte Arlesheim

zu einem lebendigen Entwicklungsort

anthroposophischer Heilkunst —


in einer Zeit,

in der Frauen in diesem Kanton

politisch noch nicht gleichberechtigt

mitbestimmen konnten.“


Dann hoben beide ihre Tassen.


„Auf Ita Wegman.“



____________________________



Buchtipp, Video und weitere Vertiefungen


Wer Ita Wegman

und die Entwicklung der anthroposophischen Medizin

näher kennenlernen möchte,

findet hier vier Zugänge.


Das Buch führt näher

nach Arlesheim,

an den Ort,

an dem Wegman ihre Klinik gründete

und die anthroposophische Medizin

klinisch weiterentwickelte.


Der Film ergänzt den Blick

auf Ita Wegmans Lebensweg

und ihre Bedeutung

innerhalb der anthroposophischen Bewegung.


Das Institut widmet sich

der anthroposophischen Grundlagenforschung,

betreut das Ita Wegman Archiv

und zeigt,

wie weit Wegmans Arbeit

über die Klinik hinausreichte.


Der Text

beleuchtet

eine weitere Seite Ita Wegmans:

Sie erkannte früh

die Gefahren des Nationalsozialismus

und stand Menschen bei,

die Schutz und Unterstützung brauchten.


 
 
 

1 Kommentar


Horst
20. Juni

Steiner fasste die Energie der Gestaltung in Worte. Im asiatischen Raum kennt man dieses als Feng Shui. Medizin ist die Erkennnis, wie man die Homöostase des Körpers zum Einklang bringen kann, wenn sie aus dem Gleichgewicht geaten ist.

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