Rudolf Steiner und Ita Wegman - Wie anthroposophische Medizin Gestalt annahm
- Dr. med. Martin Teschner
- 20. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Juni

Rudolf Steiner und Ita Wegman
Wie anthroposophische Medizin Gestalt annahm
Lumi und Nara trafen sich in Dornach,
im Schweizer Kanton Solothurn.
Vom Bahnhof Dornach-Arlesheim
gingen sie zum Goetheanum,
dem Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft
und einem Bau,
in dem Steiners Formensprache
eine eigene Gestalt annimmt.
Auf dem Weg dorthin
fielen ihnen ungewohnte Formen auf.
Dächer waren gerundet.
Fenster saßen schräg
oder an überraschenden Stellen.
Manche Mauern wirkten,
als seien sie aus einer Bewegung
heraus geformt.
Nach etwa fünfzehn Minuten
erreichten sie das Goetheanum.
Vor dem Gebäude
hielten sie einen Moment inne.
„Schon der Weg zum Goetheanum
erzählt etwas“, sagte Lumi.
Nara sah zum Gebäude hinauf.
„Bei Steiner erscheint dieser Blick
auf den Menschen
auch in der Kunst“, sagte sie.
„In Architektur.
In Bühnenräumen.
In Farben
und Bewegung.“
Nara lächelte.
„Heute interessiert mich,
wie aus diesem Blick
Heilkunst wurde“, sagte sie.
Lumi nickte.
„Dann beginnen wir hier.
Am Goetheanum
tritt Steiners Menschenbild
in Formen, Farben und Räumen hervor.
Später führt unser Weg
ins nahe Arlesheim.
Dort bekam
dieser Blick auf den Menschen
eine medizinische Form:
in Untersuchung, Pflege, Behandlung
und täglicher therapeutischer Arbeit.“
Rudolf Steiner und die Frage nach dem Menschen
Im Goetheanum
wirkte vieles anders
als in den Büchern.
Nara sah die gerundeten Formen,
die großen Flächen
und die Art,
wie das Gebäude auf dem Hügel stand.
Dann gingen sie hinein.
Drinnen fiel ihr Blick
auf Treppen, Übergänge, Wände
und Fenster.
Immer wieder blieb sie
an einer Linie
oder einer Form hängen.
„Hier merkt man,
dass Steiner den Menschen
auch durch Formen ansprechen wollte“, sagte sie.
Lumi sah sich um.
„Und hinter diesen Formen
steht seine große Frage:
Was ist der Mensch?“
Nara nickte.
„Steiner fragte,
wie der Mensch erkennt,
wie er sich entwickelt
und welche Kräfte in ihm wirken.
Er beschreibt den Menschen
auf mehreren Ebenen:
als physischen Körper,
als lebendigen Organismus,
als seelisches Wesen
und als Ich.
So entsteht ein Menschenbild,
das Körper, Leben, Seele
und geistige Individualität
zusammen betrachtet.“
Lumi nahm den Gedanken auf.
„Bei Ita Wegman wird daraus
eine ärztliche Frage.
Wie zeigt sich dieser Mensch
in Krankheit?
Welche Beschwerden bringt er mit?
Was zeigt die Untersuchung?
Wie entwickelt sich der Verlauf?
Welche Behandlung passt zu ihm?“
Nara sah sie an.
„So bekommt Steiners Menschenbild
eine praktische Aufgabe in der Heilkunst.“
Zwischen Luzifer und Ahriman
Sie kamen zu einer großen Holzskulptur,
die aus der Zusammenarbeit
von Rudolf Steiner
und der Bildhauerin Edith Maryon entstand.
Sie trägt den Namen:
Der Menschheitsrepräsentant
zwischen Luzifer und Ahriman.
Nara kannte das Motiv.
Vor der Figurengruppe blieb sie stehen.
„Hier zeigt Steiner den Menschen
zwischen zwei Kräften“, sagte sie.
„Luzifer steht bei Steiner
für das Weitende, Bewegliche
und Inspirierende.
Ahriman steht für das Formende,
Ordnende und Verdichtende.
Der Mensch steht dazwischen.
Er sucht immer wieder neu
sein Maß:
zwischen Ausdehnung und Begrenzung,
zwischen innerem Impuls und tragfähiger Form,
zwischen Erleben und genauer Beobachtung.
Auch Gesundheit lässt sich so verstehen:
als ein lebendiges Abstimmen
zwischen zu viel und zu wenig,
zwischen Öffnung und Halt,
zwischen Bewegung und Ordnung.
Sie ist kein fertiger Zustand,
sondern etwas, das sich im Leben
immer wieder neu ordnet.“
Lumi betrachtete die Figurengruppe.
„Für die Heilkunst ist das wichtig“, sagte sie.
„Ein Mensch bringt inneres Erleben
und körperliche Wirklichkeit mit:
seine Beschwerden,
seine Geschichte,
seinen Befund
und seinen Alltag.
Heilkunst braucht deshalb beides:
Wahrnehmung und Prüfung,
inneres Verstehen und genaue Beobachtung,
therapeutischen Impuls und passende Form.“
Nara betrachtete noch einmal
die Gestalt in der Mitte.
„Dann bleibt der Mensch
der gemeinsame Bezugspunkt“, sagte sie.
„Bei Steiner im Verstehen des Menschen.
Bei Wegman in der konkreten ärztlichen Arbeit.“
Sie gingen weiter.
Das Bild wirkte nach.
Ita Wegmans Weg nach Arlesheim
Nach dem Besuch im Goetheanum
gingen Lumi und Nara weiter nach Arlesheim,
in den Kanton Basel-Landschaft.
Auf dem Weg sprachen sie über Ita Wegman.
„Wegman wurde 1876 auf Java geboren“, sagte Lumi.
„Zur Ausbildung kam sie nach Europa.
Zunächst wandte sie sich
der Heilgymnastik und Massage zu.
In Berlin vertiefte sie
diese therapeutische Arbeit.
Dort hörte sie Vorträge
von Rudolf Steiner
und kam 1902 mit ihm ins Gespräch.
Steiner bestärkte sie darin,
Medizin zu studieren.“
1906 schrieb sich Wegman
an der Universität Zürich
zum Medizinstudium ein.
Dort war ein reguläres Studium
für Frauen bereits seit den 1860er-Jahren
möglich.
In Preußen,
also auch in Berlin,
konnten Frauen zu dieser Zeit
nur als Gasthörerinnen
Vorlesungen besuchen.
Die reguläre Zulassung
zum Studium
folgte in Preußen erst
ab dem Wintersemester 1908/09.
Nara hörte aufmerksam zu.
„Dann wird Wegmans spätere Rolle
verständlicher“, sagte sie.
„Sie brachte Erfahrung
in Körperarbeit mit.
Das Medizinstudium gab ihr
den ärztlichen Rahmen.
Im Austausch mit Steiner
verbanden sich Körperarbeit
und ärztliches Studium
mit dem anthroposophischen Blick
auf den Menschen."
Lumi nickte.
Nach einer Weile kamen sie
in die Nähe der Klinik.
Die Klinik und Zusammenarbeit in Arlesheim
1921 gründete Ita Wegman in Arlesheim
das Klinisch-Therapeutische Institut.
Lumi und Nara blieben
auf dem Gehweg stehen
und schauten hinüber.
„Hier wurde aus vielen Fragen
tägliche Arbeit“, sagte Lumi.
„Menschen kamen mit Beschwerden,
mit Hoffnungen
und mit ihrer eigenen Geschichte.
Sie wurden untersucht, gepflegt
und behandelt.
Dabei beobachtete man genau,
wie sie auf die Therapien reagierten.“
In den ersten dreieinhalb Jahren
kam Rudolf Steiner fast täglich
in die Klinik.
Dort sprachen Wegman und Steiner
über konkrete Patientenverläufe:
über Untersuchung, Pflege
und Behandlung.
Wegman brachte ihre ärztliche Erfahrung ein.
Steiner gab medizinische Anregungen
aus seinem anthroposophischen
Verständnis des Menschen.
In der täglichen Arbeit zeigte sich,
was den Patienten half,
wo Anpassungen nötig waren
und welche nächsten Schritte
sich daraus ergaben.
So bekam die anthroposophische Medizin
in Arlesheim
eine klinisch-therapeutische Form.
Als Steiner im Herbst 1924
schwer erkrankte,
begleitete Wegman ihn ärztlich
bis zu seinem Tod 1925.
Nach seinem Tod entwickelte Wegman
die anthroposophische Medizin
in Arlesheim weiter.
Sie arbeitete an Pflegeformen
wie Einreibungen und Wickeln,
an der Rhythmischen Massage,
schulte Ärzte und Pflegende
und förderte Forschung
aus der klinischen Erfahrung.
Das gemeinsame Buch
Lumi sprach nun über das gemeinsame Buch
von Rudolf Steiner und Ita Wegman.
„Der Titel fasst viel zusammen“, sagte sie.
„Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst
nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen.“
Nara wiederholte den Anfang.
„Erweiterung der Heilkunst.“
Sie dachte kurz nach.
„Dann verstehe ich,
warum der Titel so wichtig ist“, sagte sie.
„Das Buch gibt der Zusammenarbeit
eine schriftliche Form:
Steiners Blick auf den Menschen,
Wegmans ärztliche Erfahrung
und die Frage,
wie Heilkunst erweitert werden kann.“
Lumi nickte.
„So wird noch einmal deutlich,
wie anthroposophische Medizin
Gestalt annahm.“
Im Café Einzigartig
Am Nachmittag gingen Lumi und Nara
ins Café Einzigartig
an der Ermitagestrasse 2 in Arlesheim.
Dort verstand Nara,
wie die Stationen des Tages
zusammengehörten.
Am Goetheanum hatte sie
Steiners Blick auf den Menschen erlebt.
In Arlesheim wurde deutlich,
was Ita Wegman daraus machte.
Steiner gab den Anstoß.
Wegman nahm ihn auf,
brachte ihn in die Klinik
und führte ihn nach Steiners Tod weiter.
In vielen Darstellungen steht
Rudolf Steiner im Vordergrund.
Wegmans Arbeit erscheint darin oft kleiner,
als es ihrer Bedeutung entspricht.
„Das erinnert mich
an den Matilda-Effekt“, sagte Nara.
„Matilda Joslyn Gage beschrieb
bereits im 19. Jahrhundert,
dass Beiträge von Frauen
oft wenig Anerkennung fanden
oder anderen zugeschrieben wurden.
Margaret Rossiter gab diesem Muster 1993
den Namen Matilda-Effekt."
Lumi nickte.
„Auch Wegmans Stellung
wurde später umkämpft“, sagte sie.
„1935 schloss die Allgemeine
Anthroposophische Gesellschaft
Ita Wegman aus.
1943 starb sie
in Arlesheim.
Ihre Rehabilitierung
folgte 2018.
Nara sah sie an.
„Also fünfundsiebzig Jahre
nach ihrem Tod?“
Lumi nickte.
„Ja. Und auch die Zeit,
in der sie hier arbeitete,
sagt viel.
1921 gründete Wegman hier
das Klinisch-Therapeutische Institut.
In Basel-Landschaft erhielten Frauen
das kantonale Stimm- und Wahlrecht
am 23. Juni 1968.
Auf eidgenössischer Ebene
folgte die politische Gleichberechtigung
erst am 7. Februar 1971.“
„Da versteht man erst,
wie außergewöhnlich Wegmans Arbeit war“, sagte Nara.
„Sie übernahm Verantwortung,
behandelte Menschen,
schulte Ärzte und Pflegende
und machte Arlesheim
zu einem lebendigen Entwicklungsort
anthroposophischer Heilkunst —
in einer Zeit,
in der Frauen in diesem Kanton
politisch noch nicht gleichberechtigt
mitbestimmen konnten.“
Dann hoben beide ihre Tassen.
„Auf Ita Wegman.“
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Buchtipp, Video und weitere Vertiefungen
Wer Ita Wegman
und die Entwicklung der anthroposophischen Medizin
näher kennenlernen möchte,
findet hier vier Zugänge.
Buchtipp: „Ita Wegman und Arlesheim“
Das Buch führt näher
nach Arlesheim,
an den Ort,
an dem Wegman ihre Klinik gründete
und die anthroposophische Medizin
klinisch weiterentwickelte.
Video: „Der Weg Ita Wegmans 1923“
Der Film ergänzt den Blick
auf Ita Wegmans Lebensweg
und ihre Bedeutung
innerhalb der anthroposophischen Bewegung.
Das Institut widmet sich
der anthroposophischen Grundlagenforschung,
betreut das Ita Wegman Archiv
und zeigt,
wie weit Wegmans Arbeit
über die Klinik hinausreichte.
Der Text
beleuchtet
eine weitere Seite Ita Wegmans:
Sie erkannte früh
die Gefahren des Nationalsozialismus
und stand Menschen bei,
die Schutz und Unterstützung brauchten.




Steiner fasste die Energie der Gestaltung in Worte. Im asiatischen Raum kennt man dieses als Feng Shui. Medizin ist die Erkennnis, wie man die Homöostase des Körpers zum Einklang bringen kann, wenn sie aus dem Gleichgewicht geaten ist.