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Wenn Sinn zu früh kommt

Aktualisiert: vor 11 Stunden


Sonnenstrahlen fallen durch helle Baumkronen in einen Wald und beleuchten den Weg zwischen den Stämmen.

Wenn Sinn zu früh kommt

Lumi & Nara über Spiritual Bypassing & Vertrauen als Schutzraum



Die Nacht ist warm.

 

Und doch liegt in manchen Häusern

eine Kälte,

die nicht von draußen kommt.

 

Lumi schwebt tief über dem Gartenweg.


Nara bleibt einen Flügelschlag höher,

als müsste sie erst hören,

bevor sie schaut.

 

„Siehst du das Fenster?“, fragt Lumi.

„Schau auf den Menschen dahinter:

Haltung und Atem.

Darin steckt oft mehr Information als in Worten.“


„Ja“, sagt Nara.

„Da sitzt jemand,

der den Schmerz nicht loswird,

weil er ihn nicht verlieren kann.“

 

Lumi wird leiser.

 

„In der Praxis“, sagt sie,

„sehe ich häufig ein Muster:

Menschen suchen nach einer Ursache,

nach einem Zusammenhang.


Nicht aus Neugier.

Aus Not.“

 

Nara nickt.

 

„Manchmal klingt es so“, sagt sie:

 

„Ich mache doch alles richtig.

Ich bin ein guter Mensch.

Ich bete.

Ich achte auf meinen Körper.

Ich kümmere mich um andere.


Und trotzdem trifft es mich.

Warum?“

 

Lumi sieht hinunter.

 

„Als müsste eine Erklärung

die Belastung sofort senken.“

 

 

Wenn Spiritualität zur Abkürzung wird

Sie schweben ein Stück weiter.

 

„Der Garten riecht nach Erde,

nach Wandel.“

 

„Es gibt einen Begriff“, sagt Nara,

„der dieses Muster gut beschreibt.“

 

Spiritual Bypassing“.

 

Es beschreibt,

dass tröstende Deutungen

sehr schnell kommen,

um innere Anspannung zu dämpfen –

bevor Gefühl und Körper nachkommen.

 

Der Begriff geht auf den Psychotherapeuten

John Welwood zurück.

 

Lumi runzelt die Stirn.

 

„Aber Spiritualität kann doch stützen“, sagt sie.

„Als Ressource.“


„Ja“, sagt Nara.

„Und gerade deshalb ist die Frage wichtig:

Wann trägt sie –

und wie?“

 

Sie hält inne.

 

„Manchmal wird Spiritualität sofort zu Erklärung:

Damit es im Kopf wieder schlüssig wird –

während der Körper noch Spannung trägt

und das Gefühl noch keinen Platz gefunden hat.“


Lumi nickt.

 

„Also nicht grundsätzlich falsch“, sagt sie,

„nur manchmal zu früh.“

 

„Genau“, sagt Nara.


„Sinn trägt,

wenn er nach der Erfahrung reifen darf.

Kommt er zu früh, bleibt der Körper zurück.“

 

 

Woran man es erkennt

Lumi schaut wieder zum Fenster.

 

„Woran erkennst du das“, fragt sie,

„ohne zu urteilen?“

 

Nara antwortet ruhig:

 

„Ich schaue auf die Wirkung.

Nicht auf die Methode –

sondern auf ihre Aufgabe in diesem Moment.“

 

„Wenn Deutung sehr früh da ist.“

 

„Wenn jemand sagt:

Ich bin im Frieden –

und zugleich ist der Schlaf nicht erholsam,

der Atem flach,

die Reizbarkeit hoch.“

 

Lumi kennt diese Momente.

 

Nara sagt:


„Dann bleiben wir zuerst bei dem,

was sich zeigt.“


„Deutung schafft Ordnung.

Verarbeitung braucht Zeit.“

 

 

Was im Menschen dabei passiert

Nara setzt sich auf ein Blatt.

 

„Psychologisch“, sagt sie,

„passt das oft zu Erfahrungsvermeidung.“

 

Erfahrungsvermeidung bedeutet:

Ein inneres Erleben wird gemieden,

weil es überfordernd wirkt –

zu intensiv, zu nah, zu roh.

 

Dann greift der Kopf nach Deutung.

Nicht aus Stolz.

Aus Schutz.

 

„Und manchmal“, sagt Nara,

„wird der Affekt –

also die spürbare Gefühlsbewegung im Körper –

sehr schnell gedämpft,

bevor er Raum bekommt.“


Lumi nickt.

 

„Das ist Emotionsregulation“, sagt sie,

„nur manchmal zu früh und zu kopflastig.“


Nara ergänzt:


„Im Denken ist vieles geordnet.

Im autonomen Nervensystem bleibt Alarm.“


Lumi fasst es knapp:


„Die Erklärung ist schneller

als die körperliche Beruhigung.

Man nennt das Top-down-Regulation.“

 

 

Trauer: Wenn Trost zu früh kommt

Sie schweben an einer Bank vorbei.

 

Ein Schal liegt dort.


Als hätte ihn jemand liegen lassen,

weil man plötzlich wieder funktionieren musste.

 

Nara erzählt, ohne Namen.

 

„Eine frisch trauernde Witwe weint und fragt:

Wenn alles einen Sinn hat,

warum fühle ich mich so zerbrechlich?“

 

Lumi spürt:

Diese Frage sucht keine Theorie.

 

Sie sucht Halt.

 

„Was würde jetzt Sicherheit geben –

ganz praktisch?“, fragt Lumi.

 

Nara antwortet:


„Erlaubnis.

Du darfst so fühlen.“

 

„Trauer folgt auf Verbundenheit,

wenn sie verloren geht.“

 

Lumi nickt.

 

„Und viele entschuldigen sich dafür“, sagt sie.

„Als wäre Trauer eine Schwäche.“

 

Nara sieht sie an.

 

„Hier wird Spiritualität oft zum Rahmen:

würdig sein, stark sein, dankbar sein.


Und zugleich kommen Tränen.“

 

 

Vertrauen und Sicherheit

Der Schutzraum, den der Körper annimmt

 

Lumi schwebt näher.

 

„In solchen Momenten“, sagt sie,

„entsteht Sicherheit selten durch Antworten.

Sie entsteht durch Vertrauen.“

 

Nara nickt.

 

„Vertrauen wirkt regulierend.

Nicht als schöne Idee,

sondern als Voraussetzung dafür,

dass der Körper sich entlasten kann.“


Wenn Vertrauen da ist,

muss das System weniger wachsam sein,

weniger kontrollieren,

weniger auf Alarm eingestellt bleiben.


„Vertrauen sagt dem Körper“, sagt Nara,

„du musst nicht allein auf der Hut sein.“


Lumi ergänzt:


„Dann wird es leichter, ehrlich zu sagen,

was ist –

ohne Rechtfertigung.“

 

 

Der entscheidende Unterschied

Schlussstrich oder Rahmen

 

Lumi sagt:

 

„Manchmal verwenden Menschen dieselben Worte –

aber ihre Funktion ist eine andere.“

 

Nara nickt.

 

Sinn als Schlussstrich

ordnet zu schnell,

beendet zu früh.

 

Sinn als Rahmen

hält offen,

gibt der Verarbeitung Zeit.

 

„Der Rahmen“, sagt Nara,

„ist oft Vertrauen:

in die Beziehung,

in den Prozess,

in die eigene Selbstregulation.“


Lumi lächelt.


„Dann ist die eigentliche Arbeit“, sagt sie,

„Orientierung zu geben,

ohne die Verarbeitung zu beschleunigen.“

 

 

Praxis-Sätze am Rand

kurz, sortiert nach Situationen

 

Trauer

„Ich sehe, wie viel dir dieser Mensch bedeutet hat.“


„Sinn kann später wachsen.

Jetzt geben wir dem Gefühl Raum.“


Schuld

„Ich höre deine Selbstanklage.

Woher kommt der Druck, es erklären zu müssen?“


„Lass uns Verantwortung von Selbstbestrafung trennen.“


Wut

„Wut zeigt, wo etwas in dir Schutz braucht.“


„Welche klare Grenze würde dich jetzt entlasten?“


Körperstress

„Dein Körper meldet Schutzbedarf.“


„Bevor wir deuten: Wo sitzt die Spannung genau?“


Zu stimmig“

„Deine Erklärung ist schlüssig.

Was spürst du dabei im Körper?“


„Wir lassen Erklärung und Gefühl

kurz nebeneinander stehen.“


Religiöse Deutungen

„Dein Glaube kann Halt geben.

Und trotzdem darf es schwer sein.“


„Wir müssen heute kein Warum lösen.

Wir bleiben beim Jetzt.“

 

 

Ausklang

Lumi und Nara bleiben noch einen Moment

vor dem Fenster.

 

Drinnen brennt Licht.

Gleichmäßig.

 

Jemand sitzt dort

und atmet tiefer.

 

„Heute braucht es vielleicht zuerst Orientierung“, sagt Lumi,

„eine, die den Körper entlastet.“

 

Nara nickt.

 

„Sicherheit heißt dann:

Der Mensch kann fühlen, was da ist –

und dem Erleben Zeit geben,

bevor er es erklärt.


Er darf es zulassen, benennen

und Schritt für Schritt damit arbeiten.“

 

Lumi antwortet:

 

„Und wenn Spiritualität dazukommt,

gibt sie Halt.


Sie begleitet das Fühlen und Verarbeiten –

statt es zu ersetzen.“

 

Nara lächelt.

 

„Dann wird Sinn nicht zum Ersatz für Gefühl“, sagt sie,

„sondern zur Sprache,

die nach der Verarbeitung reifen darf.“


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Infobox: Spiritual Bypassing – wenn Trost zu früh kommt


Spiritual Bypassing heißt:


Tröstende Deutungen kommen zu früh

(„Alles hat Sinn“, „in Liebe bleiben“, „sofort vergeben“),


obwohl innerlich noch

Trauer, Angst, Wut oder Scham aktiv sind.


Das beruhigt oft kurzfristig.


Doch Gefühle bleiben überdeckt –

und der Körper findet keine echte Entlastung.



Woran du es merkst

„Gedanklich wirkt alles stimmig,


doch die Atmung bleibt flach,

Kiefer und Schultern bleiben angespannt,

in Brust oder Bauch liegt Druck.“


„Der Blick wirkt unruhig

oder ist nicht ganz im Kontakt.“


Sätze kommen schnell,

bevor das Gefühl Raum bekommt.


„Ist nicht so schlimm.“

„Ich muss loslassen.“



Praxisregel

Erst Beruhigung und Wirklichkeit,

dann Bedeutung.


Kurz orientieren:

Füße. Sitzfläche. Rücken. Raum.


Dann fragen:


„Was ist jetzt da –

im Gefühl und im Körper?“


Ein Wort reicht.



Merksatz

Trost kann unterstützen.


Er darf Fühlen und Verarbeiten

nicht ersetzen.


 
 
 

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Dr. med. Martin Teschner


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